Klimawandel bei Uns
Klimawandel bei uns
Dr. Johannes Lüers las im Buchcafé Schorner aus dem Buch "Oberfranken im Klimawandel", das er mit Dr. Thomas Foken schrieb. Es ist so ein gutes Buch - knapp gehalten, verständlich, und eine wahre Doktorarbeit. So viele Details darin. Jahre der Arbeit. Hier der Inhalt in Kürze:
"Es gab in der Welt sechs Eiszeiten. Die letzte kalte Epoche war vor etwa 9000 Jahren. In den kommenden 10 000 Jahren gibt es eine ideale Klima-Ruhe.
Seit 6000 Jahren war eine optimale Menschen-Entwicklung möglich - die aber seit der Industriealisierung, seit 1750, zunehmend gestoppt wird. Die Folgen erleben wir: Bayreuth und Bamberg hatten im Jahr 1880 noch 7,2 Grad Durchschnittstemperatur. Seit 1950 sind es zwei Grad mehr.
Die Erde konnte die Erhöhung der Temperatur lange abfedern, aber jetzt puffern die zerstörten Ökosysteme nichts mehr ab. Es gibt zu viel CO², Methan und Lachgas.
Jean Fourier und John Tyndall erkannten nach 1829 den Treibhauseffekt: Von der Sonnenwärme kommen 70 % bei der Erdoberfläche an. Der Boden gibt diese Wärme teils zurück in den Himmel. 50 % werden dort vom natürlichen Treibhausgas reflektiert. Das ergibt eine Jahresmittel-Temperatur auf der Erde von 15 Grad. Ohne diese Gase wären es frostige -18 Grad.
Jetzt kommen durch die Industrie (Verbrennung von Kohle, Öl, Gas, Biomasse) zusätzliche Treibhausgase in die Luft. Sie reflektieren mehr. Auf der Erde wird es heißer.
Das CO² lag z. B. in den letzten 800 000 Jahren konstant unter 280 ppm (part per million = ein Molekül auf eine Million Luft-Moleküle). Im Jahr 2015 waren es schon 400 ppm und neun Jahre später 425 ppm.
Rechnet man alle anderen Gase (Methan etc) in CO²-Werte um und ein, stehen wir schon bei 534 ppm.
Die Sonne heizt zu einem Prozent die Luft auf, zu 9 % den Boden und zu 90 % das Meer. Dieses dehnt sich deshalb aus und steigt um 20 cm. Zum Jahrhundert-Ende sind es 50 cm, anderen Berechnungen zufolge 2 m.
Blockierte Hochdruckgebiete
Die Arktis hat inzwischen so warme Luft, dass der Druckausgleich zu Mitteleuropa nicht mehr funktioniert. Darum fehlen Winde, es fehlt der Wechsel von Hoch- und Tiefdruckgebieten, es kommt zu stehenden (blockierten) Hochdruckgebieten mitten im Land, um welche die Tiefdruckgebiete ziehen müssen. Die Folge sind sonnige Sommer und nebelige Winter.
Nur die Südwest-Ecke von Deutschland (Freiburg) hat noch Druckdifferenz - was heiße Luft (Saharastaub) anzieht. Die Ost-Ecke hingegen hat Regen, Trübnis und Schnee, weil hier kalte Nordluft herunterströmt und auf warme Südluft trifft.
Städte sollten sich mit viel Grün stärken (Parks, Dächer, Fassaden). Wälder sollten nicht gefällt werden, weil sonst das CO² aus dem Boden und aus dem Totholz 20 Jahre lang in der Luft ist.
10 Hektar guter Wald nehmen im Jahr 100 Tonnen CO² auf. Das ist so viel, wie 10 bis 15 Erwachsene verursachen. Oberfranken hat zum Glück viel Wald. Gut sind auch artenreiche Wiesen, nur ein- bis zweimal gemäht. Schädlich wirken Äcker und Nutzwiesen.
Oberfranken bekommt durch seine Berge auf der steilen Windseite (luv) viel Regen. Die abgeflachte Lee-Seite ist trocken und warm.
Im Frankenwald verschwanden durch Raubbau die Rotbuche und Tanne. Fichte war der Ersatz. - Im Fichtelgebirge gab es mal Buche, Tanne, Fichte und Ahorn. Die norwegische Fichte war der Ersatz, als alles abgeholzt war.
(Das "Fichtel" im Namen Fichtelgebirge stammt von einem Vythe-Eisenbergwerk am Ochsenkopf. Vyt = Veit = Vichtel.)
Wettermessungen
Im Jahr 1641 kommt das erste Thermometer (Italien); der Schwede Anders Celsius (gestorben 1744) sorgt für eine Skala, 1781 der erste Haar-Hygrometer (Genf), 1800 die Druckmessung (Italien), 1845 das Barometer (Frankreich), 1846 Windmessgeräte (Rußland, Irland/England).
In Oberfranken forscht der Abt Mauritius Knauer (Kloster Langheim) zwischen 1652 und 1658 zum Wetter für Vorhersagen. Ein Erfurter Arzt entwickelt daraus im Jahr 1700 den Hundertjährigen Kalender.
Robert Hooke (1635 - 1703, England) gibt Anleitungen zur Wetterbeobachtung heraus (Regeln und Tabellen). Erste Messstationen entstehen in Basel (1761), Prag und Wien. Der Mannheimer Kurfürst (1780) sorgt für 36 kleine Stationen bis nach Grönland und Nordamerika. Auch Goethe unterhält elf Jahre lang ein Mess-Netzwerk. Internationale Regeln werden 1872 in Leizig gefunden. Parallel zur UN entsteht 1951 in Genf die WMO. Ab dem Jahr 2000 läuft alles digital.
In Bamberg wird ab 1878 gemessen, in Bayreuth ab 1851.
Das gute Buch "Die Flora von Bayreuth und Umgebung" (2024) nennt noch Pflanzen, die vor 2000 da waren. Jetzt weg sind. Und neue Einwandererpflanzen. In Bayreuth verabschiedeten sich still 300 Pflanzenarten.
In Oberfranken ist Bamberg der wärmste Punkt (240 m über dem Meer). Ebrach, Gräfenberg und das Maintal bei Bayreuth (340 m) haben in etwa das gleiche Klima. Hof ist kühler. Teuchnitz im Frankenwald und Fichtelberg im Fichtelgebirge (600 - 700 m) sind noch kälter.
Je 100 m Höhe wird es in Bayern generell um 0,6 Grad kälter.
In der Fr. Schweiz blüht alles im Frühjahr um 1 - 3 Wochen später als in Bamberg. Bisher gilt generell: Die Huflattich-Blüte zeigt das Frühjahr an, der Fall des Eichenlaubs den Herbst.
Regen
Fichtelberg hat viel mehr Regen als Hof ("Stauwetter", es regnet sich an der Bergflanke ab).
Bamberg liegt geschützt zwischen Steigerwald und Frankenalb, hat aber keinen Luftaustausch = mehr Schadstoffe, mehr Nebel. 9,3 Grad im Schnitt und 637 mm Niederschlag.
Nördl. Frankenalb: 8,8 Grad, 930 mm, oft trocken (Messstelle in Kasberg).
zwischen Bayreuth und Kulmbach: 8 Grad, 700 - 750 mm.
Bayreuth Stadt: 8,6 Grad, 719 mm
Frankenwald: 7 Grad Teuchnitz, 700 mm im Tal, 1100 mm oben
Fichtelgebirge: Seine Gipfel trennen das atlantische Klima (Westen) vom kontinentalen Klima (Osten). 1100 mm an der Westflanke, im Osten 600 mm. Starke Winde. Fichtelberg: 7 Grad, 1153 mm.
Bamberg Stadt: Der Hain (ein Park) und der Hauptmoorswald kühlen. Es ist tags 2 Grad wärmer und nachts 5 Grad wärmer als im Umland.
Bayreuth: 7 bis 9 Grad, 1020 mm. Das Grün am Röhrensee, Hofgarten und Wilhelminenaue kühlen. Zwischen Altstadt und Bot. Garten sind teils 4 Grad Unterschied.
Wärme
Bamberg ist heute so warm wie die heißeste Lage Deutschlands vor 50 Jahren war - d. h. das Gebiet zwischen Karlsruhe und Frankfurt.
Im Vergleich zur Welt war es in Oberfranken von 1880 bis 1900 zu kühl. Dann kam nach dem 2. Weltkrieg eine kurze natürliche Wärmeperiode (vier Jahre). Die sechziger Jahre waren kälter, und ab 1980 wirkte der Klimawandel. Seine Erwärmung betrifft vor allem Mittel- und Nordeuropa sowie die Arktis.
In Bayern wurde es von 2011 bis 2020 um 2 Grad wärmer. In Bamberg waren es in den letzten zehn Jahren 3 Grad.
Bayreuth hat heute das Klima von Bamberg vor zehn Jahren. Hof hat ein Klima wie Bamberg in den 80er Jahren. Fichtelberg hat ein Klima wie Bamberg in den 60er Jahren.
Zwischen 2015 und 2024 zählten in Oberfranken sechs Sommer zu den zehn wärmsten überhaupt.
Bisher gab es "Sonnentage" (über 25 Grad) und "heiße Tage" (über 30). Neu eingeführt wurden "sehr heiße Tage" (über 35 Grad). Sie gab es vor 40 Jahren noch nicht.
Deutschland hat im Schnitt 2000 Hitzetote im Jahr. In heißen Sommern sind es 5000 bis 10 000. In Bamberg waren es 2022 geschätzt 30.
Winter
In den sechziger Jahren gab es oft Kälte bis -20. In den letzten 30 Jahren nicht mehr. - Zwischen 1960 und 2020 gab es 100 Frosttage. In den zwei letzten Jahren waren es 30 % weniger. Die Zahl der Eistage (ganztags Frost) halbierte sich in den letzten 60 Jahren.
Regen
Er fehlt mittlerweile im Frühjahr und April, was den Pflanzenwuchs bremst. Dafür ist im Sommer mehr Regen. Kommt Starkregen, verdunstet er und sinkt nicht zum Grundwasser. Es fehlt sanfter Landregen.
Früher hielten sich trockene und nasse Jahre die Waage, inzwischen nicht mehr. Die blockierende Hochdrucklage (seit 20 Jahren) sorgt für längere Trockenperioden. Seit dem Jahr 2000 ist es von März bis Mai öfter trocken. Bayreuth und Bamberg waren zwischen 1967 und 1975 feuchter, seit 2012 sind sie trockener.
Grundwasser
Es bildet sich normalerweise mit den November-Regen. Aber zwischen 2019 und 2021 begann die Füllung erst im Februar. 2024/25 war gar nichts. Falls dieser Tiefstand des Grundwassers öfter vorkommt, ist das ein Alarmzeichen. Denn eine trockene Erdschicht leitet kein Wasser mehr nach unten. Der "Welkpunkt" unten, der bei 10 % Bodenfeuchte liegt, wird dann z. B. für Buchen kritisch: Er gibt den Wurzeln nicht mehr genug Wasser.
Nachpflanzen
Wenn man klima-resistente Bäume holt, muss man beachten: Wir haben hier trotz allem keine Subtropen. Wir haben längere Trockenheit und dann Starkregen. Welcher Baum aus Italien hält das aus?
Neuer Wald braucht 30 Jahre Zeit, bis er effektiv vor Überwärme schützt. Deshalb sollte man alten Wald lang erhalten.
Schnee
Im Fichtelgebirge sanken die Tage mit 15 cm Schneedecke seit 1961 von 80 auf 30; das Skifahren auf Naturschnee von 50 auf 10 Tage.
Vor 1990 lag der Januar-Temperaturschnitt bei -3,4 Grad; heute bei -1,8 Grad.
1960 gab es ab 550 m Schnee, heute erst ab 800 m.
In 25 Jahren ist dort Skisport "Geschichte".
Von den sechziger bis 80er Jahren hatten die Mittelgebirge 2 - 3 Monate Schnee, heute nur noch einen Monat.
Die kalten Tage, wo ein Beschneien möglich ist, halbierten sich seitdem.
Wein und Apfel
Weinbauern am Steigerwald streichen den Müller-Thurgau und stellen auf Rotweine sowie trockenresistente Sorten um, weil die Blätter nicht mehr Ende April austreiben, sondern Mitte April.
Apfelblüten kamen bisher Mitte Mai, nach den Frostnächten. Jetzt starten sie Ende April und werden vom Frost erwischt.
Von der weltweiten Temperatur-Erhöhung ist Oberfranken doppelt, die Arktis vierfach getroffen. Die Schäden dadurch sind unumkehrbar.
Bekommt Oberfranken ein schönes Südleben wie in Italien, oder kippt das Klima ins Negative? Dann gibt es bei uns keine Fichten mehr. Es kommt zu extremer Hitze. Zu Wassernot ab 2050. Im Jahr 2100 haben wir irreparable Veränderungen.
Bamberg hat schon heute kein Waldklima mehr, sondern ein Buschklima, entstanden in den letzten 140 Jahren. Fallen die Regenmengen unter 500 mm, kommt die Grassteppe. Dr. Lüers: Unsere oberfränkische Zukunft können wir schon jetzt betrachten, wenn wir nach Brandenburg fahren: Trockene Böden und Kieferwälder.
Frankfurt reagierte und legte sich einen Grüngürtel um das Zentrum. Wir hingegen lassen Privatgärten "zu Parkplätzen und Steinwüsten verkommen".
Eine Klima-Folge sind Umsiedelungen. Man rechnet mit 1/10 bis 1/3 der Bevölkerung, die wegzieht. Oberfranken mit seinen künftig 10 - 15 Grad Jahresmittel könnte auch Flüchtlinge anziehen.
Was tun?
Jeder kann etwas tun, sagt Dr. Lüers. Wir müssen eine biodiverse Landschaft erhalten und vernetzen. Städte müssen durchlüftet werden. Gesetze müssen streng kontrolliert werden. Wir sollten nur Elektrizität nutzen, weil sie am effektivsten und saubersten ist.
1968 warnte der Club of Rome. Anfang der 90er Jahre hatten wir nur die Hälfte der heutigen Schad-Emissionen. Man hätte seitdem den Anstieg leicht stoppen können. Aber was tun wir? Das Klimagesetz schiebt die Last auf die heutige Jugend. Und mit keiner Technologie der Welt können wir reparieren oder verschwundene Arten zurückholen.
Dr. Lüers schließt mit einem Wort von Papst Franziskus, der sagte: Die Öko-Bewegung hat schon viel auf den Weg gebracht. Aber Machthaber lehnen dies ab und der Rest hat kein Interesse. Es gibt Leugner und Gleichgültige, Resignation und totales Vertrauen in eine rettende Technik. Aber nötig ist eine neue Welt-Solidarität."