Der Waldkindergarten

Wir waren nur zu dritt beim Waldkindergarten-Besuch - aber immerhin. Und trotz des kalten Windes war es so interessant, dass ich lange blieb. Auch weil der kleine Moritz, 3, mit kalten Händen ankam. Ich wollte sie ihm wärmen, aber er zog mich rüber zur Matschküche, wo Töpfe und Löffel herumstehen. Ich legte ein bissl Holz unter einen Topf ("Feuer") und sagte: "Jetzt kochen wir mal Apfelmus." Moritz drehte sich um, sah einen anderen Topf am Boden, wuselig voll Erde und Ästchen, und entschied: "Der ist voll Äpfel."

Daneben, unter einer großen Plane, spielten fünf Kinder Flugzeug. Ein Loch in der Holzstamm-Wand war ihr Pilotenfenster. Sie flogen nach Afrika ("Da müssen wir die Bäume schützen") und brachten mich nach Tokio. "Zwei Euro müssen Sie dafür bezahlen." Es war phänomenal, wie sie im tristen, verregneten Wald vom roten Notknopf in der Kabine sprachen, mir Frühstück brachten, mir eine Angel für Haie gaben (weil ich schon in Mallorca gelandet war) und sagten: "Jetzt müssen Sie schlafen, weil der Wind das Flugzeug so schaukelt."

Jacqueline Klemm, die Leiterin, zählte uns all die Vorteile dieses Lebens in der Natur auf, eingepackt in Gummistiefel, Thermoanzug und Mütze: Es gibt nie Streit unter den Kindern. Keiner hat "Besitz", weil ja genug da ist an Naturdingen zum Spielen ("ein Kind findet immer was"); alle machen die Regeln am Anfang zusammen aus - und halten sich drum auch dran; jeder hilft dem andern; jeder darf klettern (so hoch wie er ohne Hilfe kommt, "probier dich aus"); jeder darf Stöcke haben so groß wie er selbst ist ("es gibt dann von selber keine Schwertkämpfe"); alle achten alles Lebende (keine Blume ausreißen, nur fotografieren); "Zeit haben" lernen beim Kartoffel-Stecken und -pflegen, auch beim Schnitzen; Geduld lernen bei Regenwetter; Freude lernen bei Sonnenwetter ("genieß die Sonne jetzt, und mecker nicht schon im Voraus über das schlechte Wetter morgen").

Ab 7.30 Uhr können die Eltern ihre Kinder bringen, bis 14.30 Uhr müssen sie geholt sein. Drei Betreuer kümmern sich um die im Höchstfall 20 Kinder. Zwei Inklusions-Kinder sind vorgesehen - eins ist momentan da, mit einem Assistenten.

Eine der Betreuerinnen kommt aus China und erzählt den Kindern manchmal von der ganz anderen Natur bei sich.

Vom Bauhof war auch schon jemand da und erklärte die Maschinen für die Stadtarbeit. Der Förster sah vorbei und erläuterte, warum es plötzlich Kahlschlag im Wald gab - in jenem Wald, den die Kinder so geachtet hatten. Was ihnen so eingeprägt worden war.

Wenn auf der Wiese gegenüber Waldstock-Camping ist, zelten die Kinder mit.

Und Jacqueline Klemm lädt jeden ein, der etwas Besonderes kann, einmal bei ihnen vorbeizuschauen. Ich empfahl ihr z. B. gleich Martina Diehm mit ihrem Wissen über Ameisen und Ralf mit seinem Kröten-Einblick.

Auch Vorlese-Oma & -Opas sind gesucht, was ich gleich mal selber mache.

Mir kam in den Sinn, wie diese Natur-Umgebung tief in die Kinder hineinwirkt, unmerklich. Die weite Wiese vor der Tür, die Berge dahinter - das ist alles so viel besser als eine graue Hauswand in einem Großstadt-Kindergarten.

Aber nach den zwei, drei Jahren hier im lebendigen Dauer-Outdoor (bei Tiefschnee und Hitze) kommt das sture Sitzen in der Schule. "Das ist ein knallharter Cut", sagt Jacqueline Klemm. Trotzdem: Der Waldeindruck bleibt den Kindern ein Leben lang.





Kontakt: Th. Knauber - E-Mail